Wohnungssuche, Teil 1.3: Als ich einmal kein idealer Student war
Die letzten Tage. Wohnungssuchemäßig gebe ich selbstverständlich weiterhin alles, doch da geht vorerst nicht mehr viel. Das Gerücht, der Pariser Wohnungsmarkt sei im August, DEM französischen Ferienmonat, wenig ergiebig, verfestigt sich zur Gewißheit.
Versuche es dann trotzdem noch auf die Erasmus-Tour und treffe mich zunächst mit Juan (einem Spanier aus meinem Erasmus-Mailverteiler) zum Annoncen klarmachen und anschließend im Foyer des Centre Pompidou Rumhängen, wo es kostenloses WIFI-Netz gibt (für den Preis eines 3,80-EUR-Espresso sogar mit Sitzen). Die Tage darauf noch Suche mit Erika (einer Italienerin, auch wiederum aus meinem Erasmus-Mailverteiler) und ihrer Mutter. Dann mit Juan und Erika (und ihrer Mutter). Alle supernett, aber man ist sich leider doch eher im Weg – für dreie gibts fast gar nichts, für zweie kaum Brauchbares, und nur für sich selbst suchen ist in Gegenwart der anderen dann auch nicht so toll. Zudem sind die Ansprüche unterschiedlich und die Login-Kompetenzen zu den wichtigen Portalen ungleich verteilt (bin zB mittlerweile zahlendes Premium-Mitglied einer sehr nützlichen WG-Börse, Erika hat für 20 EUR Zugang zu einer Studenten-Adressbörse).
Auf jeden Fall aber trotzdem vielen Dank an Juan und Erika für die uplifting Worte gegenüber einem in seiner selbstmitleidigen, völlig unproduktiven Frustration zergehenden Weicheis, und nicht zuletzt natürlich auch für die Gesellschaft! Man hat das erste Mal das Gefühl, man gehöre irgendwie hierhin, in diese Stadt.
Zu einer letzten Besichtigung kommts dann einen Tag vor Ultimo aber doch noch. Let me tell ya tha story:
Alles schien einer Dramaturgie oder – vielleicht sogar besser – einem bereits vorher feststehenden Plan zu folgen. Mein Telefonat hatte sein Ziel nicht verfehlt, meine germanisch-kantige Smartness saß, das letzte Ass im Ärmel war ausgespielt und hat mich für den kommenden Vormittag, der fürs erste mein letzter in dieser Stadt sein sollte (Bus war für den Abend gebucht), noch einmal in die fünfte Dimension der Pariser Wohnungsbesichtigung katapultiert. Ein Zimmer – zwar nicht groß (9m2), aber gut gelegen. Vielleicht musste ich ja doch nicht logement-los nach Hause.
Folgender Vormittag: Kein Wind, der eine eingehendere Beschreibung verdient gehabt hätte, ging, als ich zusammen mit einem ganzen Packen anderer gerade bis eben noch gewesener Passagiere der Linie 2 aus dem Schlund der Station Victor Hugo ins Freie gespuckt wurde. Bis zur vereinbarten Zeit waren es noch rund 30 Minuten, also umkreiste ich noch ein paar Male im Kreis den Kreisverkehr. Als mir davon einigermaßen schwindlig und auch langweilig war, machte ich mich auf zum Treffpunkt. Im Hinterkopf noch mal schnell der vergangene Montag: Meine beiden Paris-Erasmus-Begleiterinnen aus Kiel finden gerade mal zwei Stunden vor ihrer Rückfahrt ihre Wohnung für die kommenden zehn Monate. Da würde das Schicksal sich doch hoffentlich auch bei mir nicht lumpen lassen; Geschichte bekommt Gelegenheit, sich zu wiederholen!
Vor Ort: Die Straße war schon OK, vielleicht etwas laut. Egal. Der Vermieter partiell abgefuckt, aber seine stylishen Chucks stellten mein Vertrauen sofort wieder her. Es ging durch den poshen Hauseingang in einen Hinterhof, dann in einem fahrstuhllosen, engen, von Kalkstaub und dem Geruch von Putz beherrschten Treppenhaus sechs Stockwerke hoch. Das war noch nicht schlimm, ja sogar normal: Schließlich war ich vom Team Erasmus und daher ja irgendwie auch hier, um mich mal einzuschränken. Dann waren wir oben angekommen, und er öffnete er die Zimmertür.
Pandora! Es hätte mir gleich klar sein müssen, was „Idéal Étudiant“ im französischen Wohnungs-Annoncen-Sprech bedeutet; wie verdreht ist doch die menschliche Sprache! Und wie schlecht anscheinend das Ansehen der Studenten in der Grande Nation! Der Anblick des Zimmers konnte auf der Stelle schwerste Depressionen auslösen: Vier fensterlose, ergraute Wände; dafür flutete eine ca. 50x50 cm große, quadratische Luke am oberen Ende eines Schachtes in der Decke das Zimmer konstant mit Zwielicht der Sorte „Charles-Manson-Seelenspiegel“. Alles rief Assoziationen an unwiederbringlich Verlorenes hervor; selbst das schmutzige Grau der Wände gemahnte an nichts Anderes als das Weiss, das es nie sein durfte. Inder hinteren rechten Ecke befand sich eine Duschzelle, die ihren auf verlorenem Posten geführten Kampf gegen die Keime offenbar ganz alleine führen musste. Gleiches galt für die Spüle (rechts vorne) sowie die schlaff auf dem nackten Boden liegende Leiche einer Matratze (vorne links). Die Ecke hinten links erschien fast frei - Platz vielleicht für einen Stuhl oder so. Um gemütlich drauf rumsitzen und etwas mit dem Oberkörper vor- und zurückwippen zu können. Oder Kaffee trinken und Kuchen essen mit den Freunden, die man hier wahlweise als Besuch empfängt oder unter unheimlichen Spieluhrklängen zusammenpsychotisiert. In der Phantasie geht alles! Auch der Preis: 480,- EUR im Monat! All das schwarz natürlich, also ohne ordentlichen Eintrag ins Vermieterregister und daher auch nicht CAF-fähig (CAF ist das französische Wohngeld für Studenten; geht nur mit echtem Mietvertrag). Die erste richtige Phantasiemiete meiner Suche – „idéal étudiant“!
Nur der Absurdität halber, dachte ich später, hätte ich mal ins Angebot einschlagen sollen, einfach um zu schauen, was dann.
Stattdessen ließ ich den verzweifelt mich um Einzug anflehenden Franzosen auf der Schwelle zurück und entfernte mich weiter, bis er nur noch als kleiner Punkt am Horizont zu sehen war und sich schließlich ganz verschwand. Dann war Stille.
Ende hier.
jeudi, octobre 19, 2006
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