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mardi, juillet 03, 2007

nachlars

yeah, bin seit vorgestern wieder zuhause! das mit dem klein schreiben gefällt mir übrigens, das behalt ich mal so bei! aber nie wieder gullivers, schwör ich mir, das ist auf dauer nicht gesund für die seele.

und heut abend schau ich mir nicht nur mein erstes zimmer an, sondern lasse mich auch hoffentlich gebührend als rückkehrer feiern. und selbst wenn das heute noch nicht so doll klappen sollte, dann können wir das ja immer noch wiederholen, bin ja jetzt erstmal wieder für immer da! tolltoll!

ja, und sobald ich wieder einen computerzugang habe, bei dem die buchstaben etwas sachneller als im sekundentakt auf den bildschirm fliegen, werden auch noch die aufregenden abenteuer, die sara und ich in den letzten fünf tagen erlebten, aufbereitet, und vielleicht noch etwas geouttaked (muss ja heute, sowas, wichtig wichtig!). und dann berichtet ja noch björn detailliert und gänsehautevozierend über seinen aufregenden israel-abstecher: 'le blog - ruhe geht anders', könnte man auch sagen (wenns denn bloß nich so spacko klänge).

bis dann! ich hab jetzt lust auf einen schokoriegel aus dem automaten!

vendredi, novembre 17, 2006

Meine Auberge Espagnol (IV)

Hab einen Film gemacht, wie ich im Wohnheim mit dem Fahrstuhl in den 4. Stock fahre und von dort aus in mein Zimmer gehe. Der ist insgesamt leider ein wenig verwackelt, ich versuch demnächst mal für Ersatz zu sorgen, so dass man auch was erkennt (und das Licht auf den Fluren und im Treppenhaus anbleibt). Aber n kleinen Eindruck, wies hier ungefähr aussieht, bekommt man schon.

samedi, octobre 28, 2006

Meine Auberge Espagnol (III):

Jetzt bin ich also tatsächlich auch einer dieser Luxusstudenten und bewohne zum Spottpreis ein kleines Zimmer mit eigenem Bad und Dusche, das eher Studentenhotel als -wohnheim ist.
Dass es Luxus ist, erkennt man daran, dass sowohl WC als auch Dusche hygienisch einwandfrei sind: keine Selbstverständlichkeiten im Land der eher fressfixierten Franzmänner. An der Wand hängt sogar einer dieser festinstallierten Hotelföns, der unverzüglich mit dem Ausstoß heisser Luft beginnt, sobald man die Puste-Einheit aus der Halterung nimmt. Auf dem Nachttisch steht ein Telefon mit eigener Nummer, ich bekomme Handtücher und Klopapier vom Haus. Zweimal die Woche wird mir hinterhergeputzt, so dass die Frage nach dem Aufheben müßig wird, wenn mir mal was runterfällt und ich grad nicht so recht Böcke hab. Die Getränke-und-Süßigkeiten-Automaten bieten ein attraktives Programm auf preislichem UB-Niveau; für 1,50 EUR pro Tag kann ich im hauseigenen Restaurant im Untergeschoss frühstücken, und eine 6kg-Maschine kostet im Waschraum plus Trockner und inklusive Waschpulver 3,50 EUR. Im Treppenhaus, dessen Fenster bunt wie die katholischer Kirchen sind, hängen Werke ehemaliger Residenten des Bildkunst-Sektors, und im Erdgeschoss ist in den Stein eine Widmung graviert, die sich um das Wohl keines Geringeren als König Juan Carlos' des XV. (oder so) höchstselbst sorgt. Auch der Fahrstuhl mit seinen chromfarbenen Knöpfen und der Spiegel-Rückwand lässt nix anbrennen und geniesst mein ganzes Vertrauen, wenn ich mich beim Verlassen des Hauses zur Rezeption aufmache, um meinen Schlüssel dem Nestor in die Hand zu geben, der mir daraufhin ergebent hinterherbücklingt. Na gut, das war übertrieben; man sollte es nicht gleich zu weit treiben, das schadet der Glaubwürdigkeit.


Jedenfalls: Weiss gar nicht, womit ich das alles verdient haben soll.
Meine Auberge Espagnol (II):

Der 2. Oktober 2006 – ein aufregender Tag. Ich habe zunächst mal meine erste Veranstaltung der Études Germaniques an der Sorbonne: „Le Loup Garou – Du Mythe Au Fantasme“ bei M. Le Professeur Lecouteux. Alles auf Französisch, und ich verstehe nix! Aber trotzdem ein Spaß: gutes Thema, sehr netter Herr und natürlich das nicht zu toppende Gefühl, seine Initiation an der ehrwürdigen Sorbonne bekommen zu haben. Ja, ich kann nur sagen: Auch ich bin jetzt ein Teil ihrer Geschichte!

Das Institut für Etudes Germaniques hat im übrigen große Ähnlichkeit mit unserem für NdL/Medien in der Leibnizstraße. Liegt sogar ebenfalls im dritten Stock. Hatte ich mir irgendwie anders, irgendwie alles größer und traditionsgeschwängerter vorgestellt. Statt dessen Zigarettenpausenflair auf den Gängen. Aber gut, man will ja auch nicht rein nach dem Äußeren urteilen.
Hab da mal einen kleinen Film vorbereitet: Beginnt im Institut für Etudes Germaniques im 3. Stock, am Aushang für die Licence-3-Studenten, und endet nach einem Weg bergab durchs Treppenhaus, ich find das irgendwie gut, an einem Georges-Brassens-Poster.




Danach zum spanischen Wohnheim, mal gucken, was da so geht. Vielleicht ist die Stimmung ja inzwischen gegen mich gekippt.

Ich checke ein: alles OK. Verdächtig ruhig. Ich halte einen Schlüssel in der Hand; Fahrstuhl in den vierten Stock, Schlüssel in der Zimmertür ausprobieren: passt! Also wenns jetzt noch ne Falle ist, n Test vielleicht, also vielleicht steht da n Spanier irgendwo und notiert alles ganz genau. Also dann ist das nich witzig.

Egal. Das Bewusstsein steigt in mir auf, jetzt offizieller Bewohner des Colegio de Espana zu sein! Der Horror der Wohnungssuche – endgültig vorbei! Mein erster Reflex: Nach unten zur Rezeption, WIFI-Code holen. Ich muss jetzt erstmal ins Netz – Mails checken, deutsche Seiten ansehen, irgendwas, das ich kenne. Und schlafen. Das Bett quietscht, als ich mich darauf niederlasse – also doch ein Haken!

Mist!

jeudi, octobre 19, 2006

Mein Weg zum Master (III)

Rücksprache mit den Spaniern: Für M. Solé, den administrativen Koordinator (oder so) des spanischen Hauses, ist alles OK. Ebenso für seinen Chef. Na denn.

Das war so einfach, dass es nicht stimmen kann! Soll es das wirklich gewesen sein? Mein Mißtrauen bleibt bestehen. Neue Deadline: der 2. Oktober.
Mein Weg zum Master (II)

Wie schon gesagt, Vergesslichkeit lohnt sich doch: Um fehlende Unterlagen nachzureichen, mache ich Anfang der folgenden Woche noch einmal meinen Weg in die Abteilung „Einschreibung, Master“. Ich erkläre mich kurz; wo ich schon mal da bin, werden auch die Fehler auf meinem Einschreibeformular korrigiert, die unter Anleitung des vom Erasmus-Koordinator verschickten Modells ins Formular geschleust wurden. Ich bekomme in Nullkommanix meinen Ausweis und meine Einschreibung.

Doch ein Problem bleibt: Die Einstufung. Denn der Erasmus-Student ist an der Sorbonne eine Kategorie für sich, er darf an Veranstaltungen sämtlicher angebotener Fachrichtungen und Leistungsniveaus teilnehmen. Mein dringend benötigter Master-Äquivalenz-Status wird nirgendwo ersichtlich. Erneut wird die Odysseen-Maschinierie angeschmissen – mühsam französisch erkläre ich mich quer durchs Einschreibungsbüro, lerne dann ich im Laufe der nächsten zwanzig Minuten dank der Hilfe diverser (im übrigen ausgesprochen hilfsbereiter) Franzosen weite Teile des bürokratischen Apparats der Sorbonne kennen: Connections, die sich später vielleicht einmal auszahlen! Es wogt hin und her, ein Argument sticht das andere aus und die Spannung bleibt bis zur letzten Sekunde da.
Schließlich erklärt sich eine sehr freundliche Angestellte des Einschreibungsbüros bereit (wohlgemerkt: ohne, dass sie dazu in irgendeiner Weise verpflichtet gewesen wäre), mir eine Attestation über mein Studienniveau auszustellen. Auf welchem Niveau ich mich befinde, kann ich selbst bestimmen: Gut, ich bin denn also mal Master, würd ich sagen.


Mit dem bestmöglich Erreichbaren verlasse ich zufrieden das Hauptgebäude der Sorbonne. Jetzt müssen die Spanier das noch akzeptieren. Überlasst sie nur mir. Ich bin ein Krieger!
Mein Weg zum Master (I)

Öl ins Feuer der Unklarheit: Es ist Donnerstagmittag, und ich bin immer noch kein offizieller Student der Stadt Paris. Aufgrund „technischer Probleme“ gäbe es leider noch keine Möglichkeit, mich einzuschreiben und einen Studentenausweis auszustellen, aber mit etwas Glück bekäme ich in anderthalb bis zwei Wochen einen Brief mit allen nötigen Unterlagen und dem Ausweis. Wobei: Garantien könne man dabei natürlich nicht geben.
Meine Auberge Espagnol (I)

Überraschung der guten Sorte am nächsten Morgen in meinem Postfach: Das „Maison Heine“, also das deutsche Haus der CIUP (Cité Internationale Universitaire de Paris, großer Wohnheimkomplex, det beste was Paris zu bieten hat), informiert mich aus völlig heiterem Himmel darüber, dass man mir eventuell ein Zimmer im spanischen Wohnheim anbieten könne, und ich solle mich bei Interesse mal melden. Melden? Es ist Samstag-Vormittag. Sofort werden Maßnahmen hektischen Charakters eingeleitet. Nützt nichts: Die Administration des Maison Heine ist erst wieder am Dienstag-Vormittag erreichbar. Mein Drang zum Handeln kann durch eine rasch abgeschickte Antwortmail immerhin für fünf Minuten unterdrückt werden. Mangels sinnvoller Verhaltensalternativen entscheide ich mich schließlich für das einzige der Situation Angemessene und versenke mich bis auf Weiteres völlig in Verlustangst-Phantasien! Darin hab ich Erfahrung, das kann ich. Schließlich muss ja ein ganzes Wochenende (plus eins) rumgebracht werden.

Das Protokoll liest sich etwa wie folgt:
1) Ich bin nicht der einzig Angeschriebene. Bestimmt haben sich alle anderen vor mir gemeldet. Wer zuerst kommt, mahl zuerst. Ich habe zu spät reagiert. Wieso war ich gestern abend nicht mehr im Netz? Wie groß genau ist meine Schuld?
2) Wahrscheinlich ist es ein Irrtum; man meint gar nicht mich; man hat sich in Name und Adresse vergriffen. Der eigentliche Adressat ist aber schon längst über alles informiert: Es gäbe da noch ein kleineres Problem mit einem anderen, fälschlicherweise angeschriebenen Studenten. Aber dieses werde Anfang der nächsten Woche schnell beseitigt werden. Man bemühe sich, ihn möglichst rasch über den Fehler aufzuklären.
3) Ich bin nicht gut genug: Es gibt bestimmt eine Art zweites Bewerbungsgespräch, und ich falle durch.
4) Es werden Widersprüchlichkeiten in meinen Angaben beider Bewerbungsschritte (zunächst allgemein CIUP; dann speziell in Papierform ans zuständige deutsche Maison Heine) aufgedeckt. Oder es fehlt noch ein wichtiges Dokument. Oder: Es existiert eine Altersgrenze, die ich bereits überschritten habe. Oder eine fächerabhängige Quote für Studenten: Mir muss ein Volkswirtschaftler bevorzugt werden.

Als im Laufe des Wochenendes meine Phantasie nachzulassen droht, springt zum Glück recht schnell die Trotzhaltung ein: Denn eigentlich passt das mit dem Wohnheim ja grad sowieso nicht so gut; meine Pläne waren ja ganz anders – wollt ja nur für ein halbes, so müsst ich für ein ganzes Jahr bleiben. Und überhaupt, so richtig gefällt mir das Cité-U-Areal ja auch gar nicht. Also ich mein ja, wenn man halt auf diesen repräsentativen US-Campus-Style steht, bittesehr, mein Ding ist son isoliertes Studenten-Gewächshaus aber eher nich – ich gehör in die City! Ausserdem suche ich ja auch aus. Und vielleicht will ich gar nicht. Also ne Überlegung wärs schon wert, aber: jetzt tendenziell eher nicht!
Und später schreib ich dann in meinem Erfahrungsbericht: „Nun ja, Cité U – stimmt, gilt schon als gute Adresse. Is natürlich auch nich schlecht. Wenn man darauf steht. Also ich für meinen Teil fands ja nich so, hab mich nachher dagegen entschieden. Is halt so posher US-Style, falls ihr mir folgen könnt. Achja: Für ne erfolgreiche Bewerbung hier noch n paar Tipps von mir: [...]“

Das Wochenende und der Montag sind auf diese Weise schnell vorbei – der Dienstag steht an. Postfach: Die Heine-Rückantwort ist bereits da und formuliert in der Tat weitere Ansprüche („Sind Sie Master-Student? Sind Sie schon eingeschrieben?“) – jedoch nur ein kleinerer Schlag, der schnell verdaut wird: Bin zwar weder Master noch eingeschrieben, aber auf master-äquivalentem Niveau, und das mit der Einschreibung schaff ich schon auch noch. Ein Telefonat mit Madame L'Administration, und ich eile in die von der vormittäglich spätsommerlichen Septembersonne angelächelte Cité U. Durch durchs Maison Internationale, ein Marsch stracks halbrechts übers Grün von der Dauer vielleicht ner halben Zigarette, zack da! Schnell springt der Funke meiner sympathischen Präsenz auf die Umstehenden über; man wird sich handelseinig; der Computer gibt dem internen System der Cité U Ansage über meinen nunmehr offiziellen Status als Résident. Szenenapplaus. Alles weitere, so heisst es, müsse ich mit den Spaniern ausmachen; die wüssten schon bescheid.

Da die spanische Administration erst um vier aufmacht, bleibt mir genügend Zeit, noch einmal auf meinen Film vom Wochenende zurückzukommen. Darüberhinaus nutze ich auch die Gelegenheit, schon mal alle möglichen Entgegnungen auf eventuelle spanische Zweifel an meiner Eignung auf Französisch vorzuformulieren.

Was soll ich sagen: Um 17.00 Uhr ist immer noch nicht alles vorbei. Das spanische Haus beherbergt ausschließlich Studenten ab Master aufwärts und wünscht noch Bestätigung in Form einer entsprechenden Einschreibung. Angesichts meiner Semesterzahl ist man jedoch zuversichtlich, dass ich das gewünschte Niveau im benachbarten Studiensystem zugesprochen bekomme. Ich erhalte eine offizielle und unterschriebene „Attestation de Logement“. Mein Einzug wird auf den 2. Oktober festgelegt. Am kommenden Donnerstagvormittag habe ich meinen Einschreibetermin an der Sorbonne.
Die Berlin-Paris-Connection

Praktisch, wenn man so Leute kennt: Björn aus Berlin, einigen von euch ja noch bekannt durch das grandiose Jahreswechsel-Event „Silvester 2005 in Berlin bei Björn“ und darüberhinaus Doktorand der Chemie am Fritz-Haber-Institut der Berliner Max-Planck-Gesellschaft, hat zufällig gerade zur Zeit meiner zweiten Ankunft in Paris ebenda eine Konferenz zur Oberflächenforschung. Superspontan wird daher bereits am Abend vorher „bekakelt“, mal das Nacht- und vorher Nachmittagsleben der beliebten Metropole rund zu machen.

Es wird dann auch n richtig netter Tag: Kein weniger prestigeträchtiger Ort als die Kathedrale Notre-Dame erscheint uns als Treffpunkt zweier Grandseigneurs des City-Cruisin' geeignet. Das alte Bauwerk wird von außen wie innen ausführlich inspiziert und, obwohls im Mittelteil Einiges zu bemäkeln gäbe, letztlich doch für gut befunden. Da darf man einfach nicht so sein: Damals wussten die eben bestimmte Dinge noch nicht, die wir heute aus dem Effeff beherrschen.

Man isst stilvoll im gegenüberliegenden Subway, der überraschenderweise gar nicht mal teurer ist als unserlands. Die Sandwich-Belag-Auslage belohnt die Kunden (und veredelt sich selbst) mit dem gespiegelten Abbild der Notre-Dame auf ihrer Frontverglasung. Ein Bild zum Innehalten: Jahrtausendealte Geschichte spiegelt sich ganz buchstäblich in der Trivialität moderner Freßsucht. Natürlich gewinnt wie immer das Fressen. Traurig, aber irgendwie auch schön. Denn so ist halt das Leben. Björn und ich haben jedenfalls keine Zeit für den Blues und pfeifen uns das Zeugs einfach rein. Über alles Andere lässt sich auch später noch Philosophieren.

Anschließend arbeitet man sich dann durch bis zum Jardin de Luxembourg. Sehr schön oder, wie die jungen Leute heute sagen würden, „chillig“, und geschwängert von, wie Björn sagt, „Sawoawiv“ "Sawoawif", das ja, wie gesagt, legendär ist. Gerade Frankreich gilt da ja weltweit als führend. Auch der Palais selbst lässt sich nicht lumpen und geniesst das Sehen und Gesehenwerden. Schön lassen sie es sich dort gehen, die Herren Regierenden.

Nach weiterem Abhängen vor allem im Jardin, bei dem selbstverständlich nicht vergessen wird, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, hol ich mir fürs Gewissen noch einen Packen Wohnungsannoncen aus dem Goethe-Institut, das praktischerweise gleich einmal über die Straße an der Ecke ist.

Dann wird der Abend gemütlich durch die Seitenstraßen des Quartier Latin flanierend beschlossen. Nur die Seine-Brücken fehlen auf der Weg-Agenda. Warum eigentlich? Ist doch jetzt alles so nah!
Auf nach Paris!

Die Fahrt war nicht weiter spektakulär: ein lustiges Beisammensein unter Männern. Wir nahmen noch einen kleinen Umweg über Lüttich und Metz, aber von da an ging alles ganz schnell.

Mit vor Müdigkeit und Patriotismus geröteten Augen komme ich am Morgen des 8. September wieder einmal am Gare de l'Est an. Das alte Lied: Automatenkaffee trinken (Euphorie hat inzwischen nachgelassen) und grotesk schweres Gepäck durch viel zu enge Metro-Drehkreuze in volle Züge wuchten. In der Métro beobachte ich die sich in den Scheiben widerspiegelnden Fahrgäste und höre dazu pseudo-hippe Popmusik, die bei Kulturjournalisten Anklang findet.

Irgendwann bin ich da: 3 Place Emile Landrin, 5. Stock links; der Schlüssel passt. Die Tür öffnet sich und alles ist OK. Ich atme.
Es ist Freitag vormittag. Für Nachmittags um zwei bin ich bereits verabredet: Man trifft Björn vor der Notre-Dame.
23.August – 09.September 2006: Zuhause

Kiel – ungechlortes Wasser satt, Freunde, Sonne, Strand, UB. Etwas mehr als zwei Wochen bleiben mir noch bis zur erneuten Rückkehr in den Wohnungsanzeigen-Sumpf dieser schrecklichen Stadt Paris. Nun gilt es also, unter Aufbringung sämtlicher verfügbarer Ressourcen noch ein letztes Mal ultimativ auszuspannen. Und noch ein paar Sachen zu erledigen, natürlich.

Einen Tag vor Abreise findet die Schlüsselübergabe für die provisorische Suchunterkunft bei den Mädels am 3 Place Emile Landrin statt. Amelie & Nadine trudeln erst im Laufe der letzten beiden Septemberwochen ein, überlassen mir aber trotzdem schon die Wohnung – danke!

Damit ist alles vorbereitet. Es beginnt Paris 2.0.
Leaving Léo Lagrange

Ich checke aus: Wenige Stunden nach der Besichtigung hole ich meine Sachen aus dem Gepäckraum und verlasse die Jugendherberge. Das Gepäck trägt sich wesentlich weniger leicht als sich das jetzt hier so hinschreibt. Die Wache an der Tür wünscht mir eine gute Reise zurück nach Deutschland.

Um 20 Uhr fährt mein Bus; keine besonderen Vorkomnisse (nur das Glücksgefühl bei unserem ersten Halt in Deutschland, irgendwann tiefnachts an der Raststätte „Aachener Land“!); 11 Stunden später bin ich am Ziel.
Danke „Gullivers Reisen“ fürs Bringen.
Schön, dass es direkt im Hamburger ZOB ein McDonald's gibt.
Und nochmals vielen, vielen Dank, Stephan, fürs Abholen (sieben Uhr morgens!! ya crazeee!!!)!


Nur die Wohnungssuche: Da muss noch was kommen!
Wohnungssuche, Teil 1.3: Als ich einmal kein idealer Student war

Die letzten Tage. Wohnungssuchemäßig gebe ich selbstverständlich weiterhin alles, doch da geht vorerst nicht mehr viel. Das Gerücht, der Pariser Wohnungsmarkt sei im August, DEM französischen Ferienmonat, wenig ergiebig, verfestigt sich zur Gewißheit.

Versuche es dann trotzdem noch auf die Erasmus-Tour und treffe mich zunächst mit Juan (einem Spanier aus meinem Erasmus-Mailverteiler) zum Annoncen klarmachen und anschließend im Foyer des Centre Pompidou Rumhängen, wo es kostenloses WIFI-Netz gibt (für den Preis eines 3,80-EUR-Espresso sogar mit Sitzen). Die Tage darauf noch Suche mit Erika (einer Italienerin, auch wiederum aus meinem Erasmus-Mailverteiler) und ihrer Mutter. Dann mit Juan und Erika (und ihrer Mutter). Alle supernett, aber man ist sich leider doch eher im Weg – für dreie gibts fast gar nichts, für zweie kaum Brauchbares, und nur für sich selbst suchen ist in Gegenwart der anderen dann auch nicht so toll. Zudem sind die Ansprüche unterschiedlich und die Login-Kompetenzen zu den wichtigen Portalen ungleich verteilt (bin zB mittlerweile zahlendes Premium-Mitglied einer sehr nützlichen WG-Börse, Erika hat für 20 EUR Zugang zu einer Studenten-Adressbörse).

Auf jeden Fall aber trotzdem vielen Dank an Juan und Erika für die uplifting Worte gegenüber einem in seiner selbstmitleidigen, völlig unproduktiven Frustration zergehenden Weicheis, und nicht zuletzt natürlich auch für die Gesellschaft! Man hat das erste Mal das Gefühl, man gehöre irgendwie hierhin, in diese Stadt.

Zu einer letzten Besichtigung kommts dann einen Tag vor Ultimo aber doch noch. Let me tell ya tha story:

Alles schien einer Dramaturgie oder – vielleicht sogar besser – einem bereits vorher feststehenden Plan zu folgen. Mein Telefonat hatte sein Ziel nicht verfehlt, meine germanisch-kantige Smartness saß, das letzte Ass im Ärmel war ausgespielt und hat mich für den kommenden Vormittag, der fürs erste mein letzter in dieser Stadt sein sollte (Bus war für den Abend gebucht), noch einmal in die fünfte Dimension der Pariser Wohnungsbesichtigung katapultiert. Ein Zimmer – zwar nicht groß (9m2), aber gut gelegen. Vielleicht musste ich ja doch nicht logement-los nach Hause.

Folgender Vormittag: Kein Wind, der eine eingehendere Beschreibung verdient gehabt hätte, ging, als ich zusammen mit einem ganzen Packen anderer gerade bis eben noch gewesener Passagiere der Linie 2 aus dem Schlund der Station Victor Hugo ins Freie gespuckt wurde. Bis zur vereinbarten Zeit waren es noch rund 30 Minuten, also umkreiste ich noch ein paar Male im Kreis den Kreisverkehr. Als mir davon einigermaßen schwindlig und auch langweilig war, machte ich mich auf zum Treffpunkt. Im Hinterkopf noch mal schnell der vergangene Montag: Meine beiden Paris-Erasmus-Begleiterinnen aus Kiel finden gerade mal zwei Stunden vor ihrer Rückfahrt ihre Wohnung für die kommenden zehn Monate. Da würde das Schicksal sich doch hoffentlich auch bei mir nicht lumpen lassen; Geschichte bekommt Gelegenheit, sich zu wiederholen!

Vor Ort: Die Straße war schon OK, vielleicht etwas laut. Egal. Der Vermieter partiell abgefuckt, aber seine stylishen Chucks stellten mein Vertrauen sofort wieder her. Es ging durch den poshen Hauseingang in einen Hinterhof, dann in einem fahrstuhllosen, engen, von Kalkstaub und dem Geruch von Putz beherrschten Treppenhaus sechs Stockwerke hoch. Das war noch nicht schlimm, ja sogar normal: Schließlich war ich vom Team Erasmus und daher ja irgendwie auch hier, um mich mal einzuschränken. Dann waren wir oben angekommen, und er öffnete er die Zimmertür.

Pandora! Es hätte mir gleich klar sein müssen, was „Idéal Étudiant“ im französischen Wohnungs-Annoncen-Sprech bedeutet; wie verdreht ist doch die menschliche Sprache! Und wie schlecht anscheinend das Ansehen der Studenten in der Grande Nation! Der Anblick des Zimmers konnte auf der Stelle schwerste Depressionen auslösen: Vier fensterlose, ergraute Wände; dafür flutete eine ca. 50x50 cm große, quadratische Luke am oberen Ende eines Schachtes in der Decke das Zimmer konstant mit Zwielicht der Sorte „Charles-Manson-Seelenspiegel“. Alles rief Assoziationen an unwiederbringlich Verlorenes hervor; selbst das schmutzige Grau der Wände gemahnte an nichts Anderes als das Weiss, das es nie sein durfte. Inder hinteren rechten Ecke befand sich eine Duschzelle, die ihren auf verlorenem Posten geführten Kampf gegen die Keime offenbar ganz alleine führen musste. Gleiches galt für die Spüle (rechts vorne) sowie die schlaff auf dem nackten Boden liegende Leiche einer Matratze (vorne links). Die Ecke hinten links erschien fast frei - Platz vielleicht für einen Stuhl oder so. Um gemütlich drauf rumsitzen und etwas mit dem Oberkörper vor- und zurückwippen zu können. Oder Kaffee trinken und Kuchen essen mit den Freunden, die man hier wahlweise als Besuch empfängt oder unter unheimlichen Spieluhrklängen zusammenpsychotisiert. In der Phantasie geht alles! Auch der Preis: 480,- EUR im Monat! All das schwarz natürlich, also ohne ordentlichen Eintrag ins Vermieterregister und daher auch nicht CAF-fähig (CAF ist das französische Wohngeld für Studenten; geht nur mit echtem Mietvertrag). Die erste richtige Phantasiemiete meiner Suche – „idéal étudiant“!

Nur der Absurdität halber, dachte ich später, hätte ich mal ins Angebot einschlagen sollen, einfach um zu schauen, was dann.
Stattdessen ließ ich den verzweifelt mich um Einzug anflehenden Franzosen auf der Schwelle zurück und entfernte mich weiter, bis er nur noch als kleiner Punkt am Horizont zu sehen war und sich schließlich ganz verschwand. Dann war Stille.


Ende hier.
Wohnungssuche, Teil 1.2: Die Zeit dazwischen

Die französischen Telefonzellen sind irgendwie alle MP3. Nur paradox, also quasi genau andersrum: Es werden nur die wichtigsten Frequenzen rausgefiltert. Und um die Zellen herum braust stets Verkehr kafkaesker Lautstärke. Vermieter anrufen ist eine echte Qual, wenn man die Sprache nicht versteht. Mein Trick: Ich taste mich, dem allgemeinsten Skript für solche Kommunikationen folgend, einfach spekulativ durch die Gespräche durch. Es funktioniert, ich bleibe zumindest unauffällig, doch: Entweder alles vermietet oder doof, oder Vermieter doof.

Schließlich werde ich doch noch durch eine Besichtigung belohnt: 17. Arrondissement, 2 Zimmer, 4. oder 5. Etage (war egal: Aufzug!), nur 800,- EUR! Ich sachs kurz: Hätte mir der (im übrigen ansonsten wirklich freundliche) Mieter vorher mitgeteilt, dass er auf jeden Fall noch für 1000,- EUR sein Interieur verticken will, hätte man die Sache um einiges unkomplizierter abhandeln können. Andererseits wären sich dann zwei Männer nicht begegnet, die sich unter Umständen irgendwann einmal zum zweiten Mal begegnen werden. Muss alles bedacht werden.
Wohnungssuche, Teil 1.1: Die Eglise Americain und die Folgen

Treffer! Amerika ist doch det beste: Unter meiner fachmännischen Wegweisung (wir finden die am Quai d' Orsay gelegene Kirche auf Anhieb!) machen wir die American Church of Paris und ihre nicht unbedingt reichhaltige, aber gehaltvolle Anzeigenlandschaft aus. Eine Wohnung im 20. Arrondissement, 2 Zimmer, 40m2 für nur 900,- Euro monatlich erregt unsere besondere Aufmerksamkeit. Umgehend nehmen wir Kontakt zur Vermieterin auf; ein Treffen wird ausgemacht; modernste Verkehrsmittel kommen zum Einsatz. Damit meine beiden Begleiterinnen noch einen anderen Termin wahrnehmen können, sondiere ich zunächst mal alleine die Lage.

Als die beiden etwa 15 Minuten nach mir ankommen, habe ich die Situation bereits total unter Kontrolle, die Angelegenheit reifte unter meinen Händen quasi zur Unterschriftsreife. Fehlt nur noch der Deckel obendrauf. Die Wohnung ist supo, die Lage ebenso (dufte Umgebung, alles da inkl. Biomarkt und Cimetiere Pere Lachaise um die Ecke - da wo Jim Morrison begraben ist!!!). Nur, ich gehe leer aus: Wohnung ist nur für zwei, und da ich ein eingespieltes Team nicht trennen will, trete ich unter der Bedingung, die Wohnung später wenigstens als vorübergehende Bleibe nutzen zu können, zurück.

Zufrieden reisen Nadine und Amelie noch am selben Tag ab; ich bleibe da. Immerhin: Es war ein Teilerfolg und mein erster Fuß in der Tür zur Welt, die andere "Paris" nennen.
Statt Ansichtskarten: Clichy-La-Garenne

Und das ist meine vorübergehende Hood: Eigentlich ganz schön und weniger banlieuesque als ich zunächst befürchtet hatte; muss mich hier jedenfalls nicht vor Geschossen wegducken oder so.
Clichy sans cliché! Viele kleinere Gemüse- und das, was man in Deutschland als Tante-Emma-Läden bezeichnen würde, reihen sich hier an Boulangeries und Cafés, am Wochenende gibt's einen Basar in der Fussgängerzone vor dem Franprix (quasi der Sky um die Ecke), ein idyllischer Platz mit Pavillon findet sich in der Rue Martre (nämlich der "Place des Martyrs de l'occupation allemande"), ein anderer dort, fertig. Essen gut, Wetter gut, Stimmung super, drei Smileys. Ein Reiseprospekt würde sagen: "charmant" (und sind wir nicht alle irgendwie Reiseprospekte?). Die Menschen: eine bunt gemischte Melange vor allem aus den traditionell sozial benachteiligten Nord- und Zentralafrikanern sowie einigen Weissen, die es wohl nicht ganz geschafft haben (oder keine Lust auf die von welchen garstigen Seelen auch immer zusammenfantasierten Mieten im Kern).
Mittendrin ich; auch ich habe es noch nicht geschafft. Eine Wohngelegenheit will erst noch gefunden werden. Am Montag treffe ich Amelie und Nadine (zwei Kieler Mit-Erasmus-Studentinnen) - Annoncen gucken!