jeudi, octobre 19, 2006

Meine Auberge Espagnol (I)

Überraschung der guten Sorte am nächsten Morgen in meinem Postfach: Das „Maison Heine“, also das deutsche Haus der CIUP (Cité Internationale Universitaire de Paris, großer Wohnheimkomplex, det beste was Paris zu bieten hat), informiert mich aus völlig heiterem Himmel darüber, dass man mir eventuell ein Zimmer im spanischen Wohnheim anbieten könne, und ich solle mich bei Interesse mal melden. Melden? Es ist Samstag-Vormittag. Sofort werden Maßnahmen hektischen Charakters eingeleitet. Nützt nichts: Die Administration des Maison Heine ist erst wieder am Dienstag-Vormittag erreichbar. Mein Drang zum Handeln kann durch eine rasch abgeschickte Antwortmail immerhin für fünf Minuten unterdrückt werden. Mangels sinnvoller Verhaltensalternativen entscheide ich mich schließlich für das einzige der Situation Angemessene und versenke mich bis auf Weiteres völlig in Verlustangst-Phantasien! Darin hab ich Erfahrung, das kann ich. Schließlich muss ja ein ganzes Wochenende (plus eins) rumgebracht werden.

Das Protokoll liest sich etwa wie folgt:
1) Ich bin nicht der einzig Angeschriebene. Bestimmt haben sich alle anderen vor mir gemeldet. Wer zuerst kommt, mahl zuerst. Ich habe zu spät reagiert. Wieso war ich gestern abend nicht mehr im Netz? Wie groß genau ist meine Schuld?
2) Wahrscheinlich ist es ein Irrtum; man meint gar nicht mich; man hat sich in Name und Adresse vergriffen. Der eigentliche Adressat ist aber schon längst über alles informiert: Es gäbe da noch ein kleineres Problem mit einem anderen, fälschlicherweise angeschriebenen Studenten. Aber dieses werde Anfang der nächsten Woche schnell beseitigt werden. Man bemühe sich, ihn möglichst rasch über den Fehler aufzuklären.
3) Ich bin nicht gut genug: Es gibt bestimmt eine Art zweites Bewerbungsgespräch, und ich falle durch.
4) Es werden Widersprüchlichkeiten in meinen Angaben beider Bewerbungsschritte (zunächst allgemein CIUP; dann speziell in Papierform ans zuständige deutsche Maison Heine) aufgedeckt. Oder es fehlt noch ein wichtiges Dokument. Oder: Es existiert eine Altersgrenze, die ich bereits überschritten habe. Oder eine fächerabhängige Quote für Studenten: Mir muss ein Volkswirtschaftler bevorzugt werden.

Als im Laufe des Wochenendes meine Phantasie nachzulassen droht, springt zum Glück recht schnell die Trotzhaltung ein: Denn eigentlich passt das mit dem Wohnheim ja grad sowieso nicht so gut; meine Pläne waren ja ganz anders – wollt ja nur für ein halbes, so müsst ich für ein ganzes Jahr bleiben. Und überhaupt, so richtig gefällt mir das Cité-U-Areal ja auch gar nicht. Also ich mein ja, wenn man halt auf diesen repräsentativen US-Campus-Style steht, bittesehr, mein Ding ist son isoliertes Studenten-Gewächshaus aber eher nich – ich gehör in die City! Ausserdem suche ich ja auch aus. Und vielleicht will ich gar nicht. Also ne Überlegung wärs schon wert, aber: jetzt tendenziell eher nicht!
Und später schreib ich dann in meinem Erfahrungsbericht: „Nun ja, Cité U – stimmt, gilt schon als gute Adresse. Is natürlich auch nich schlecht. Wenn man darauf steht. Also ich für meinen Teil fands ja nich so, hab mich nachher dagegen entschieden. Is halt so posher US-Style, falls ihr mir folgen könnt. Achja: Für ne erfolgreiche Bewerbung hier noch n paar Tipps von mir: [...]“

Das Wochenende und der Montag sind auf diese Weise schnell vorbei – der Dienstag steht an. Postfach: Die Heine-Rückantwort ist bereits da und formuliert in der Tat weitere Ansprüche („Sind Sie Master-Student? Sind Sie schon eingeschrieben?“) – jedoch nur ein kleinerer Schlag, der schnell verdaut wird: Bin zwar weder Master noch eingeschrieben, aber auf master-äquivalentem Niveau, und das mit der Einschreibung schaff ich schon auch noch. Ein Telefonat mit Madame L'Administration, und ich eile in die von der vormittäglich spätsommerlichen Septembersonne angelächelte Cité U. Durch durchs Maison Internationale, ein Marsch stracks halbrechts übers Grün von der Dauer vielleicht ner halben Zigarette, zack da! Schnell springt der Funke meiner sympathischen Präsenz auf die Umstehenden über; man wird sich handelseinig; der Computer gibt dem internen System der Cité U Ansage über meinen nunmehr offiziellen Status als Résident. Szenenapplaus. Alles weitere, so heisst es, müsse ich mit den Spaniern ausmachen; die wüssten schon bescheid.

Da die spanische Administration erst um vier aufmacht, bleibt mir genügend Zeit, noch einmal auf meinen Film vom Wochenende zurückzukommen. Darüberhinaus nutze ich auch die Gelegenheit, schon mal alle möglichen Entgegnungen auf eventuelle spanische Zweifel an meiner Eignung auf Französisch vorzuformulieren.

Was soll ich sagen: Um 17.00 Uhr ist immer noch nicht alles vorbei. Das spanische Haus beherbergt ausschließlich Studenten ab Master aufwärts und wünscht noch Bestätigung in Form einer entsprechenden Einschreibung. Angesichts meiner Semesterzahl ist man jedoch zuversichtlich, dass ich das gewünschte Niveau im benachbarten Studiensystem zugesprochen bekomme. Ich erhalte eine offizielle und unterschriebene „Attestation de Logement“. Mein Einzug wird auf den 2. Oktober festgelegt. Am kommenden Donnerstagvormittag habe ich meinen Einschreibetermin an der Sorbonne.

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