lundi, février 05, 2007

Der schattigste Platz von Paris:
Die Katakomben

Und dann gingen wir* nach ganz tief unten. Ein unscheinbarer Eingang mit der Aufschrift "Entrée Catacombes" führte uns nahe des Place Denfert-Rochereau** zunächst einmal bloß zum Kassenhäuschen, dann aber nach wenigen einfachen Abwicklungen letztlich doch in den Untergrund der Stadt Paris. Denjenigen, die, wie ich, weder unter 27 noch ein Mitglied des kunsthistorischen oder archäologischen Instituts der Université de Paris sind, kann ich ein Lied singen, das sie vielleicht schon kennen. Es heisst: "In dem Fall kostet es leider sieben Euro" (Melodie nach Engelbert Humperdinck und Radiohead).


Dann noch einmal eine generelle kurze Belehrung über Geschichte und Bedeutung der Katakomben (hab ich vom Catacombes-Flugblatt und wikipedia): Das unterirdische Stollennetz von Paris entstand im Laufe von insgesamt ca. zwei Jahrtausenden vor allem durch unterirdischen Kalksteinabbau. Der Kalkstein wiederum wurde zum grössten Teil in den Aufbau der Stadt Paris gesteckt. Die Zeit verging, und Paris wurde langsam zu der super Stadt, die es noch heute ist. Im 18. Jahrhundert stellten sich den Parisern dann zweierlei schwerwiegende Probleme, die einander allerdings ganz gut ergänzten: die zunehmende Überfüllung der Friedhöfe (durch Epidemien und Bevölkerungswachstum) und die stark fortgeschrittene Unterhöhlung der Stadt, die bereits zu Straßeneinstürzen geführt hatte. Der Rest ist ein etwas makabres Puzzle, für das man nicht so viel Phantasie benötigt: Durch die Exhumierung und Überführung der Toten in die Katakomben hatte man wieder Platz auf den Friedhöfen und füllte zudem die unterirdischen Gänge etwas auf. Heute befinden sich in den Katakomben die Überreste von ca. sechs Millionen Menschen. Geschichtslektion Ende.

Die zwanzig Meter Höhenunterschied zwischen Paris und Pariser Untergrund überwindet man durch eine sehr enge Wendeltreppe von exakt 83 Stufen*** Länge. Vorteil: Wer dort schwächelt, hat gar nicht richtig Platz für sämtliche Knochen im Leib gefährdende Stürze, sondern würde sich vermutlich eher kompliziert einklemmen. Das wäre vielleicht auch nicht angenehm, aber deutlich leichter für die Rettungskräfte.

Den ersten, den Spannungsbogen ohne große Mühe aufrechterhaltenden Abschnitt verbrachten wir vor allem in gespannter Erwartung der berühmten Knochensammlung und mit dem Ablaufen einiger schnurgerader, recht langweiliger Gänge und Info-Räume. Nachdem im finalen Info-Raum schliesslich noch einige guillotinierte Revolutionskinder thematisiert wurden, konnte das in bester Jason-Dark-Manier überschriebene "Empire de la mort" endlich betreten werden.


Ne Menge Holz: Links und rechts türmten sich die nächste Dreiviertelstunde fortan nichts anderes als kubikmeter- und tonnenweise pedantisch gestapelter Knochen in gruselig gemäßigtem Licht. Mal unterbrochen von in Stein gehauenen Bibelversen oder zur Abwechslung herz- oder kruzifixförmigen Anordnungen von Totenschädeln zwar, aber im Wesentlichen nichts anderes als massive Wände menschlicher Gebeine. Naja, und ein paar Gittertüren sowie Wächter, die wohl verhindern sollten, dass Knochen mitgenommen werden, man in die Gänge der "Banque de France"**** vordringt oder etwa mit Blitz fotografiert. Fotografieren nur ohne Blitz: Das hab ich nicht so wirklich verstanden, also wieso Schädel und Knochen, die in sichtlich ungünstigen klimatischen Bedingungen vor sich hin modern, an Kamerablitzen Schaden nehmen sollten. Sofern das die Begründung sein sollte jedenfalls. Die Totenruhe ists wohl hoffentlich nicht, denn so rücksichtsvoll im Hinblick auf die Würde der Toten ist es ja auch nicht, menschliche Knochen verschiedenster ehemaliger Individuen wie Zahnstocher übereinanderzustapeln und ab und zu mal mit Totenschädeln ästhetische Akzente zu setzen. Und überhaupt für Geld Leute hindurchzuschicken, die dann Fotos OHNE Blitz machen können. Für mich ist die Frage jedenfalls noch nicht beantwortet. Verkraftbar wars dennoch, denn irgendwie unterschieden sich die schwach beleuchteten auch nicht wesentlich von den lampennahen Knochenstapeln.

Schließlich endet auch der schönste Rundgang und man hat den letzten Knochen hinter sich gebracht. Interessant wars auf jeden Fall da unten, auch wenn der hohe Eintrittspreis durch die etwas alibimässige museale Aufbereitung nur mangelhaft gedeckt wurde. Es folgten noch einmal ein paar schnurgerade Gänge und zwei glockenförmige Höhlen, ehe eine weitere Wendeltreppe von 83 Stufen uns einem wundersamen, gleißenden Licht entgegenführte. Plötzlich befanden wir uns an einem ganz anderen Ort. Es war wunderschön!


--
* wir: Nadine II und ein mit ihr befreundeter Archäologie-Student
** Da wohn ich in gar nicht mal so großer Entfernung von. Ausserdem sowieso irgend n berühmter Platz.
*** Nachgezählt habe ich nicht, sondern verlasse mich mal völlig auf die Korrektheit der am Eingang angeschlagenen Angaben.
**** Die bewahrt einen Teil der französischen Goldvorräte in - allerdings dann doch weiter entfernten und sicher abgeriegelten - Teilen der Katakomben. Trotzem, irgednwie eine tolle Panzerknacker-Geschichte.

Aucun commentaire: