Ja, Pariser Arztbesuch nun hinter mir, das bedeutet höchste Zeit für blogmäßige Verwurstung, wa? Arztbesuch in Paris, kann ich da nur fazitieren - ja hallo!
Wie mir ja bereits vorher in einschlägig frankophober Revolverliteratur angedeutet wurde, betrete ich, nachdem dieses Betreten tags zuvor telefonisch in beiderseitigem Einverständnis abgeklärt worden war, tatsächlich eine völlig handelsübliche, zur Praxis bloß umfunktionierte Wohnung* und nicht eine dieser Katakomben mit allgegenwärtig weissem Halo**, so wie bei uns. Allerdings eine, die vollgeräumt ist mit einer Überspitzung dessen, was allgemein so als Ärzte-Kunstgeschmack bekannt ist und ambivalent diskutiert wird. In diesem Fall, weils n Pariser Arzt ist, sogar noch mit Extra-Goldkante.
Auch an Dr. Adler, Médécine Générale, ist keine Spur von weiss zu sehen - in recht casual französischer Herren-Frezeitkleidung empfängt er mich höchstpersönlich an der Tür, ebenso wie er mich bereits am Vortag beim telefonischen Erstkontakt dadurch verwirrte, dass er höchstselbst am Apparillo war. Eine Sprechstundenhilfe, normalerweise das erste und das siebte Siegel, die eigentliche Schutzschicht zwischen weisser Arzt- und schmutziggrauer Patientensphäre, zu häufig Symbol des gebrochenen Verhältnisses beider, fehlt hier. N bisschen wie Telefonieren mit Gott. Das Wartezimmer bietet Wohnzimmer-Atmosphäre: Kamin (allerdings geschlossen), keine billigen Frauenjournale, sondern jede Menge Kunstbildbände sowie eine schön dick mit Stuck glasierte Decke. Viel zum Gucken. Aber dann kommt endlich der Safran an den Kuchen!
Der Einstieg in die Sprechstunde ist einfach: Kinderkrankheiten aufzählen! Leichtigkeit! Ich war doch ein Sanostol-Kind, entgegne ich selbstbewusst und schaue ihm dabei in seine listig funkelnden Allgemeinmediziner-Augen. Das das zähe Ringen zwischen Arzt und Patient ist damit eröffnet. Die zweite Hürde: Was ich in Paris so triebe und wie es mir gefiele. Ohne zu Zögern schnüre ich ein von öliger Rhetorik zusammengehaltenes Paket Satzhülsen aus dem ERASMUS-Leitfaden zusammen, das von "Interkulturalität", "wertvollen Erfahrungen", nicht zuletzt aber auch dem "globalen Zusammenwachsen" gespickt ist, was ich postwendend mit sterilen Wendungen über die Schönheiten der Stadt Paris heimgezahlt bekomme. Ausserdem, so seine weitere medizinische Expertise, solle ich mir mal ein Radio kaufen, denn fremde Sprachen lürnen*** sich am besten, wenn man permanent in den Sprachflow reingetunkt ist. Bei der Erwähnung der aktuellen Krankheitssymptome schlägt dann meine große Stunde: Gänsehaut evozierend erzeuge ich mit meiner am Blog und von den vielen Fachgesprächen über z.B. Literatur geschliffenen Sprache eine eindringliche verbale Repräsentation meines Leidens. Eine kurze Untersuchung im Neonlicht des angeschlossenen Untersuchungsraums, und die Diagnose ist klar: krank! Ich bekomme ne Menge eines seltsamen weissen Pulvers verschrieben, so viel, dass ich mir über eine evtl. aufkommende Knappheit an weissem Pulver zunächst mal keine Sorgen zu machen brauche. Das reicht bestimmt für n Monat oder so. Ich solle es, so Dr. Adlers Rat, in St. Denis oder Clichy-sous-bois**** verkaufen und mir davon mal was Ordentliches zu essen leisten, dann würds auch schon wieder besser werden alles. Um einen Moment später auf eine Weise mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch zu schlagen, die unwiderstehlich signalisiert: Sprechstunde vorbei jetzt!
Achja, eines noch: Auf dem Weg zurück zur Tür fällt mir dann noch ein, dass eine wesentliche Sache noch nicht geklärt war. Ob es hier in Frankreich nicht üblich sei, gleich direkt beim Arztbesuch seinen Obolus zu zahlen, frage ich ihn, worauf er abwinkt und mir bloß erwidert: Ja, normalerweise zwar schon. Aber er hätte so den Eindruck gewonnen, ich wäre finanziell nun nicht allzusehr auf Rosen gebettet und so, und das wäre schon in Ordnung: "Gehen Sie stattdessen mal ins Museum!" Stunning! Und in Deutschland, mit Verlaub, irgendwie nur schwer vorstellbar. Vielleicht hol ich mir von den gesparten Kröten dann später noch n bisschen mehr von diesem weissen Pulver. Das ist aber auch wirklich zu weiss!
Noch am selben Abend befolge ich einen weiteren Rat und kaufe mir im Sonderangebot des Franprix für nur einen Euro nen Mini-FM-Radioempfänger mit dem wilden Namen "Fureur" (inklusive Batterien und Kopfhörern)!! Naja, und noch zwei Ein-Euro-DVDs: "Interceptor", ein vermutlich holzdoofer Actionthriller mit Jürgen Prochnow, und "Boucle d'Or", ne französische Trickfilminterpretation des Goldlöckchen-Themas. Zum Französisch gucken, Staunen und Lernen! Wenns halt rockt.
Demnächst dann mutmaßlich in diesem Blog: Französische Medikamente - wie sie helfen, wann sie schaden (und wem). Ein Bericht am eigenen Körper.
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* Liegt daran, dass das französische Gesundheitssystem - nach französischer Ansicht im übrigen "das beste der Welt" - es Medizinern erlaubt, sich völlig frei dort anzusiedeln, wo sie wollen. Was zur Folge hat, dass in Paris in Ärzten erstickt, während eher ländliche Regionen tendenziell unter Ärztemangel leiden.
** Doofes Wort, wollt ich aber einfach mal verwenden. Tut mir leid.
*** frei erfundene, stark gebeugte Konjunktiv-Form von "lernen".
**** Pariser Problem-Banlieues, s. z.B. hier oder hier. Wo vor 1,5 Jahren die Autos brannten!
lundi, mars 26, 2007
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1 commentaire:
geil
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