mardi, janvier 23, 2007

Risiko-Tourismus (2) (oder: Licht und Schatten) - Die Basilique de Saint-Denis

Ja, die Rastlosigkeit. Betrifft auch mich seit Jahren immer wieder. Als Mann. Als Student. Als Poet. Und bisweilen auch als Tourist. Gestern wars Letzteres, und Zielscheibe meines Tourismus wurde die Basilique de St-Denis. Eigentlich wollte ich mir die ja ursprünglich gar nicht anschauen, weil erstens war ich schon in der Notre-Dame, und die sieht ja ganz genau so aus (gotisches Gedöns eben), und zweitens liegt die Basilique de St-Denis dummerweise im nördlichen Pariser Super-Ultra-Problem-Banlieue St. Denis. Krasse Gegend, hier kommen, meinen Informationen zufolge, rund 80% der extremsten französischen HipHopper* her. Die haben starke und von den vielen Tätowierungen ganz wund perforierte Arme, Autos, mit denen sie falls nötig schnell die Kurve machen können, und sind nur durch sehr sensible Pädagogen einigermaßen zu bändigen. Das wilde Leben eben. Paris Banlieue - where some men do what others only dream about.


Wie gesagt, ich hatte es wirklich nicht vor, aber am Ende fand ich mich zu meinem eigenen Schrecken dann doch mit ner Digitalkamera in der Hand vor der Basilique wieder. Und das kam so: Ich hatte nämlich die Nacht zuvor geträumt, ich führe mit einigen mir bekannten Begleiterinnen nach St. Denis, um dort eben die Basilique zu besuchen. Das war ja auch gar nicht gefährlich oder weiter wild, schliesslich wars ja nur im Traum. Nach einiger Zeit aber kam mir das alles ein wenig komisch vor. Viel zu normal und geordnet, viel zu gradlinig und detailliert irgendwie. So träumt man doch nicht, sagte ich mir, und versuchte ich mich selbst zur Raison zu tadeln. Bis ich dann auf Nachfrage bei meinen drei Begleiterinnen feststellen musste, dass es wohl doch kein Traum war. Ich hatte mich selbst überlistet! Da musste ich doch etwas lachen. Egal. Ich fotografierte einfach weiter, und filmte auch ein wenig. Hier zu sehen der Info-Film im Vorraum, der, sowie ichs übersehe, im rechten (also: südlichen?) Seitenschiff der Kirche lag. Er ist ganz lustig, weil so mit Synchronübersetzung in Gebärdensprache. Vorbildhaft übrigens auch die Infotexte in der Basilique selbst - die waren alle nicht nur ins Englische, Spanische und Deutsche übersetzt, sondern auch in (mutmaßlich französischer) Brailleschrift präsentiert, die diskret auf die Laminierung geplottet war. So solls doch sein, Murrfaktor gleich Null! Zu St. Denis kann ich sonst nur sagen: Die Gerüchte stimmen alle - Zerstörung und Kriminalität ist allpräsent, sie wird quasi zusammen mit der Luft geatmet. Diesen Menschen hier ist nichts heilig. Alles inspiriert sie zu Verbrechen. In welches Gesicht man auch schaut: verletzte Seelen, vom Faktor Angst** traumatisiert, und das permanente Aufblitzen krimineller Geistesblitze in den verengten Augen. Umgekippte Bauzäune, aus dem Asphalt gerissene Anti-Auto-Betonklötze, abgebrochene Zweige, Müll NEBEN statt IN den Papierkörben, geschlossene Ladengeschäfte. Und die Polizei hat auch nix Patentes in petto. Kapituliert.



Nun von der Gesellschaft zur Kultur: Als etwas störend an historisch patinierten Bauwerke dieser Fasson empfinde ich ja, dass diese im Innern stets gänzlich anders als von Aussen aussehen. Das bringt einen immer, mehr oder minder unfreiwillig, dazu, sich doch beide Perspektiven mal antun zu müssen. Faktor Zeit, und nicht selten auch: Geld! Für den Fall der Basilique kann ich nur sagen, dass diese sich schwer tut, den Glanz des äusseren Putzes auf der Innenseite zu reproduzieren. Superdämmer darin, echt, ey danke für die schönen Fotos! Seis drum - ihre Portion Ruhm bekommt die Basilique eh durch die Geschichte: Denn erstens war sie seit dem 14. Jahrhundert fast 500 Jahre lang Grabstätte der französischen Könige, und zweitens gilt sie (ca. 1130 in Grundzügen erbaut) als erstes gotisches Bauwerk*** überhaupt! Spätestens wenn man das erfährt, fängt man an, authentischen Respekt zu empfinden und die Nase in Richtung "Kilomètre Zéro"**** zu rümpfen, an dem die Notre-Dame sich aufbaut und platziert und aufgeblasen Meriten empfängt, von denen sie zumindest einen Teil an ihren eigentlich nicht weniger bedeutungsvollen kleineren Nachbarn im Norden abzugeben verpflichtet wäre.


Nun noch einige lehrreiche Bemerkungen zum Titel "Basilique", die ich dem Audioguide entnehmen konnte: Streng genommen ist die Basilique de St-Denis nämlich gar keine Basilika, sondern eine im Laufe der Jahrhunderte zur Kathedrale aufgestiegene Abteikirche. Eine "Basilika" zeichnet sich durch eine Handvoll recht genauer architektonischer Merkmale aus, die ich mir leider nur unvollständig merken konnte. Wenn eine Kirche jedoch alle diese Merkmale nicht mitbringt, sich aber trotzdem unbedingt so schimpfen soll, kann ihr der Titel "Basilika" immer noch als eine Art Ehrentitel durch den Papst verliehen werden. Und so ists auch hier geschehen. Cooler Trick, oder? Genaueres, also das Wann und Wieso, kenn ich leider auch diesmal nicht. Ziemlich enttäuschend vielleicht, aber: Es liegt an euch, das hier durch mich ererbte Halbwissen vielleicht doch noch zu was Ganzem zu vervollständigen!

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* Französische HipHopper: z.B. Booba, Joey Starr oder Mac Tyer aka Sokrate. Zweitgrößter Hip-Hop-Markt der Welt hinter den USA. Die machen genau son Heckmeck wie die Amis, bloß dass es eben reichlich tuntiger klingt. Höhö!

** Faktor Angst: Fear is the mother of violence.

*** Die gotische Bauweise gilt im übrigen, trotz der internen teils ziemlich mauen Lichtverhältnisse, als architektonische Ausdrucksweise einer Theologie des Lichtes, in deren Sinne das Licht als eigentliche Manifestation göttliche Schönheit angesehen wurde. Umgesetzt wurde das, wie auch hier, durch zum Teil riesige und vor allem atemberaubend superbunte Fenster, die aus den Fassaden regelrechte "Wände aus Licht" machen sollten. Auch das sagte mir der ausgesprochen lehrreiche Audioguide!

**** Kilomètre Zéro: Pariser Referenzpunkt für Entfernungsangaben und somit gewissermaßen die offizielle Mitte von Paris! Befindet sich vor dem Haupteingang der Kathedrale Notre-Dame

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