Nach einem kurzem Intermezzo am Quick-Checkin-Schalter reihe ich mich mit der Bordkarte in der Hand heiter in die überlange Gepäckabgabe-Schlange ein. Irgendwann dämmerts dann auch mir. Vorübergehend aufkeimende Nervosität reift zur Panik, als es für rund 20 Minuten schier gar nicht vorangeht. "Typisch französisch" bzw. "typisch Charles de Gaulle", giftet es bereits vor mir. Jaja, Savoir Vivre eben - da wird hinten in der Gepäckabfertigung sicherlich noch der eine oder andere gute im Fluggepäck gefundene Rote entkorkt, bevors weitergeht*. Typisch französisch sicherlich auch, dass das überforderte Flughafenpersonal sich für jede ihrer Wasserstandsmeldungen und Aufrufe von der immer gereizteren Meute aufs Neue auffordern lassen muss, diese auch auf Englisch zu verkünden.
Auch wenn sich effektiv nix bewegt, muss ich wie Argus der Adler auf meine Position aufpassen, denn die Schlange ist auf meiner Höhe noch weit davon entfernt, sich aus amorph-breiiger Konsistenz zu einer Form zurechtzufinden, und von hinten drängt stetig Nachschub mit großem Hallo! Der Abstand zum Schalter ist immer noch derart groß, dass ich einen Hauch Erdkrümmung zu erhaschen meine. Fünfzehn Minuten vor Abflug bin ich dann beinahe gewillt, dem Impuls nachzugeben, einfach in die Hände zu schnippen** und zu sagen: "I want to go to Rio". Doch leider muss ich mich zügeln, die Fee meinte damals, es wären definitiv nur drei Wünsche. Würgoshit!
Kurze Zeit später gehts dann aber auch so, die Hamburger Bordkartenbesitzer werden rausgewunken und dürfen ihre Baggage an einem separaten, gewissermaßen VIP-Schalter abwerfen. Hihihi! Ich verabschiede mich von einigen meiner besonders wütend aussehenden Leidensgenossen mit hämischen Worten und laufe schnell weg.
Die Pieptür meistere ich mit Erfolg. Auch das französische Abtast-Kompetenzteam will nix von mir wissen. Da ich hier also weiter überflüssig bin, geh ich schon mal an Bord, wo ich von ein paar flotten Bienen in extrem leichter Kleidung willkommen geheissen werde; auch die angebotenen Zeitschriften sind genau nach meinem Geschmack. Schnell fühle ich mich zuhause. Ich finde meinen Sitzplatz leicht, denn das ist so ähnlich gemacht wie im Kino - Vertrautheit schafft eben Vertrauen, die Lufthansa weiss das. Übrigens bin ich natürlich kein Schlaffi und hab n Fensterplatz reserviert. Ich will alles sehen, und ich will mich sattsehen!
Nach meinem Geschmack könnts jetzt also losgehen, doch weil die Franzosen das Gepäck des letzten Fluggastes, auf den wir nun auch schon n paar Minuten warten, irgendwie verschlampt zu haben scheinen und erstmal suchen müssen, verzögert sich alles noch um weitere zwanzig Minuten. "Haha", denke ich da, "das muss ja ein blödes Gefühl sein: in Hamburg ankommen, und das Gepäck nicht da. Armer Arsch! Ein Glück bin ich nicht er!" Irgendwann findet sich auch Mr. Letzter Passagier unter den Pfiffen und Buhrufen der versammelten Mannschaft und Fluggäste ein. Er wird mit faulen Früchten beworfen und darf sich den gesamten Flug lang nicht hinsetzen, sondern muss sich ganz nach hinten ans Ende des Ganges verkrümeln und da hocken bleiben.
10.15 Uhr. Der papayaförmige, in weiss und gelb angestrichene Lufthansa-Jet wirft seine zwei Motoren an. Die Symbole zum Gurtanlegen leuchten auf, das Licht geht aus, die Sauerstoffmasken fallen aus der Decke: Es kann losgehen! Der Flug wird, so der Pilot, etwa eine Stunde fünf Minuten dauern. Sein Angebot, eine Abkürzung zu fliegen, die uns ungefähr die Hälfte der Zeit einsparen, uns allerdings auch über das berüchtigte, sogenannte "Hebriden-Dreieck" führen würde, wird von den Fluggästen mit 45 zu 43 Stimmen abgelehnt. Schade.
10.20 Uhr. Vor uns in der Warteschlange: Air Force One! Das weckt den Ehrgeiz unseres Piloten. Tatsächlich schafft er es, ihr im letzten Augenblick auf dem Weg zur Startbahn den Weg abzuschneiden. Die Fluggäste machen natürlich alle mit, zeigen den Mittelfinger und rufen "Merry Christmas, George!" oder auch nur "Fuck America!" bzw. "Die, America!". Bevor der verdutzte Ami überhaupt irgendwas begreift, sind wir auch schon weg und in den Wolken. Hähä!

In der Luft setzen augenblicklich Schwindel und hämmernde Kopfschmerzen ein, die bis ca. eine halbe Stunde nach der Landung bleiben sollten. Der Pilot fliegt sofort nach dem Start einige waghalsige Kurven, um, wie er sagt, mal die Grenzen der Maschine auszutesten, diese sei er nämlich noch nie vorher geflogen. Für den dräuenden Magen gibts derweil lecker Käsebrot und einen Schokoweihnachtsmann. Zu Trinken ordere ich Kaffee und Tomatensaft. Schaut mal, ich hab sogar einen Film und n paar Fotos gemacht:
Das Flugzeug wackelt beim Landeanflug bedenklich, und verliert, wie später in der Zeitung zu lesen ist, auch einige Gepäckstücke, da der Verschlusshaken der Gepäckklappe wohl irgendwie abgerissen sein muss. Da müssen die betroffenen Passagiere wohl, ob sie wollen oder nicht, hingehen und sich ihr Gepäck selbst wiederholen, denn so lang ist das Gepäckband natürlich nicht. So ein Ärger!
Die armen Beine: Kaum dürfen sie aufhören zu zittern, müssen sie sich auch schon am Gepäckband in den Bauch stehen lassen - zweifelhafte Gewinner der Evolution, dem janusköpfigen, geliebtgehassten Damoklesschwert der Natur!
Nach 20 Minuten besteht Gewissheit: Meine Tasche ist nicht da. Da das Lufthansa-Büro zum Glück kaum zwanzig Meter weiter ist, ist meine Wut noch schön frisch. Mit nur einem Handkantenschlag zertrümmere ich den Schreibtisch da drin, um mich nach dem Verbleib meines Gepäcks zu erkundigen. Freundlich werde ich darüber informiert, dass meine 'Siebensachen' noch in Paris sind. "Die kommen mit der nächsten Maschine", so die Dame, "heute abend, um 17.45 Uhr." Da bin ich aber nun nicht mehr da. Also Heimlieferung am nächsten Tag. Gut eigentlich, die Scheisstasche ist nämlich sauschwer! Top Gelegenheit, ohne großen Balast nochmal bei Sara in Neumünster vorbeizuschauen, die dort, wenn ichs recht verstanden hab, den Kindern vermitteln soll, dass der Weihnachtsmann seine Frau in eng anliegenden Hosen Werbung für Handys machen lässt. Ich weiss nicht, aber sollte das stimmen, dann wäre das nicht mehr MEIN Weihnachtsmann. Wohl eher so einer.
Meinen Bus in die Stadt finde ich dagegen schnell, alles gut zusammengehalten am Haburger Flughafen. Der patzige Busfahrer verschreckt und rührt mich, den zuletzt doch mit allzu samtenen Handschuhen Angefassten, zu gleichen Teilen: Ich bin wieder zuhause! Hier gehöre ich hin!
Achja: Und gleich am Hauptbahnhof treff ich dann noch Kathi! Und fahr noch nach Hause! Weihnachtsmarkt! Wiedersehensszenarien! Impulsive Pulloverkäufe!! Doch mehr dazu im zweiten Teil der Zusammenfassung!
* das gibt da auch irgendwie so n Gesetz: Ich schlags mal nach und informier euch, verehrte Leser, in den nächsten Tagen.
** in die Hände schnippen: natürlich nur im uneigentlichen Sinn; Gleichnis aus dem weiteren Verwandtschaftsumkreis etwa des einhändigen Klatschens.


Aucun commentaire:
Enregistrer un commentaire