Mein derzeitiger zwischen Torschlusspanik-Tourismus und Hausarbeit oszillierender Zustand verkürzt Entscheidungsfindungen bisweilen drastisch: Als ich also zu Nadine, meinte, ja klar würde ich gerne in La Géode mitkommen, schwebten neben dem Wunsch, einmal eine Dreiviertelstunde in einer futuristischen Silberkugel zu verbringen, vor allem solche Bilder vor meinem geistigen Auge, die infantil assoziierende junge Männer eben manchmal so entwickeln, wenn ein Schlagwort wie "360°-Imax-3D-Kino" unerläutert im Raum stehen bleibt.
Unser Weg in die hostende Cité des Sciences et de l'industrie war weit, und wir waren nicht willkommen: Die Servicekraft in der Billetterie verdiente sich keinen Bestandteil ihres berufsanzeigenden Kompositums wirklich, vor allem brachte sie nicht die Kraft auf, immer in ihr Mikrofon zu sprechen, wenn man sie mal wieder erneut um Rat zu bitten musste. Müssen ja auch komische Käuze sein, die extra so n weiten Weg machen nur um sich überdimensionale Bildschirmschoner mit Saurier- oder Tiefsee-Motiv anzuschauen. Vielleicht war ihre Laune aber auch als eine Art vorweggenommener Zorn Gottes auf kleinere Sünden zu lesen. Denn ich konnte sie bezüglich meines wahren Alters täuschen und mir ein Billet für unter 25jährige ergaunern! Ja, ab und an mal irgendwo zwei Euro schinden zu können, das macht mich glücklich!
Wir nahmen die Tiefsee-Variante; der Film hiess "Deep Sea" und zeigte das bizarre und irgendwie doch wieder disneyaffin peppige Leben am pazifischen Meeresgrund. Seltsamerweise spielten sprechende Schwämme und griesgrämige Tintenfische darin keine exponierten Rollen, aber ich sag ja immer, lasst diese Filmemacher mal nur machen! Der Film wurde im englischen Original übrigens erzählt von Johnny Depp und irgendeiner dieser berühmten Hollywood-Torten, deren Namen mir nie im rechten Moment einfallen wollen. Gezeigt wurde natürlich die französische Version.
"360 Grad", muss man wissen, bedeuten bei "360°-Kinos" selbstverständlich keinen totalen Rundum-Flash. Die 360° verteilen sich recht bieder auf die drei uns bekannten Raumdimensionen und mussten sich ganz schön abmühen, um überhaupt mal unser Blickfeld einigermassen vollzukriegen. Die auf Aushängen im Eingangsbereich angeberisch angepriesene 21000-Watt-Anlage hatte sich derweil offensichtlich auf 12000 Watt verkleinert.
Die eigentliche und beinahe tragische Komik dieser Hightech-Kinos liegt meiner Meinung nach vor allem darin, dass sie geradezu symbiotisch mit total drögen Dino- oder Tiefsee-Dokus verbandelt sind, die zudem meist noch (denn IMAX-Kameras produzieren angeblich einen höllischen Lärm) herzerweichend schlecht nachvertont sind - ich denke da vor allem an die kreischenden Muscheln, die vor einem sich zum Tiefseehorst machenden unförmigen Unterwasser-Blob fliehen. Da spielts gar keine Rolle mehr, ob 12000 oder 21000 - der Wurm lag halt nicht im Watt begraben (höhö!)! Auch die alles volle Kanne auf Riesenhaftigkeit setzende optische Überzeugungsstrategie schlug bei mir nicht an. Ob sies vor zwanzig Jahren getan hätte, weiss ich nicht.
Fazit: Das Prinzip Jahrmarktsschausteller des 19. Jahrhunderts wirkt ganz unvermutet in den 3-D-Kinos des 21. Jahrhunderts fort. Beworben als ästhetische Grenzerfahrung und gar listig der seriösen "Cité de la Science" angeschlossen (n Wissenschafts- und Technikmuseum, in das will ich auch noch unbedingt!), ists doch eigentlich nur Kirmes. Nur wird diese heutzutage eben nicht mehr in einem Zelt, sondern in nem grossen Silberball versteckt. Im Kern ists aber das gleiche: Die gespannte Erwartung und Hoffnung ob dem so forsch angekündigten Erlebnis wird fast zwangsläufig aufgelöst in Enttäuschung! Fast so wie damals bei mir mit der Götterspeise. Wegen genau sowas werden wir doch überhaupt erst zynisch!
Was ich in diesen 45 Minuten ausserdem noch gelernt habe, ist, dass ich meine Tierliebe wohl zukünftig besser ausschliesslich auf Landtiere konzentrieren werde. Für die unfreundlichen, teils hässlichen und einander nur hinterfotzig übers Ohr hauenden Tiefseewesen ist in meinem Herzen jedenfalls eher kein Platz. Die Tür zu meiner Zuneigung stand weit offen. Doch wo warst du nur, Nemo - wo?
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1 commentaire:
---darauf kann ich dir ne antwort geben: nemo wurde vor einer woche in form eines käsebrötchens ind der gourmet-abteilung der galeries lafayette gesichtet und konnte nicht davor gerettet werden an eine kundin verkauft zu werden. ich befürchte jene hat möglicherweise nicht (oder erst zu spät) festgestellt, wer ihr käsebrötchen wirklich war. -----
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